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Kann ein “offener” Whisky noch begeistern? – Experiment zur Haltbarkeit geöffneter Whiskyflaschen

Alfred Hullmann32 views

Ein guter Single Malt Scotch Whisky wird wegen seiner vielfältigen Aromen, seiner wunderbaren „Nase“, seinem komplexen Aromaspiel am Gaumen, seines fantastischen „Finish“ gerne und mit Genuss getrunken.  Aber: wie lange behält ein Whisky seine Komplexität und geschmackliche Tiefe, wenn die Flasche erstmal geöffnet ist? Ab wann verliert der Whisky an Geschmack? Wie lange darf man seinen Gästen einen ‚offenen‘ Whisky anbieten?

Kürzlich habe ich bei einem Tasting in meiner Whiskybar einen Glengoyne, 58,9 % angeboten, der bereits seit fünf Jahren geöffnet in meiner Bar steht. Da wurden prompt genau diese Fragen diskutiert.

Zwei meinten, der schmecke doch toll, man merke gar nicht, dass die Flasche schon lange offen ist. Andere widersprachen: „Der schmeckt doch nicht wie vor 5 Jahren, Alkohol verdunstet doch!“ und: „Der Sauerstoff in der Flasche verändert die Aromen, der Whisky verliert an Qualität!“  „Je mehr Luft und je weniger Whisky in der Flasche, desto größer der Geschmacksverlust.“ „Eine einmal angebrochene Flasche Whisky hält sich doch nur ein halbes, max. 1 Jahr.“

Wenn das stimmt, muss man ja was tun, um dem drohenden Geschmacksverlust entgegenzuwirken.  Umfüllen in kleinere Flaschen? Auffüllen der Flasche mit geschmacksneutralen Steinen oder Glaskugeln?  Oder muss man einen angebrochenen Whisky zügig austrinken?

Aber: stimmt das überhaupt? Das will ich jetzt genau wissen, schließlich stehen in meiner Bar einige angebrochene Flaschen Whisky und ich möchte meinen Gästen keine ehemals guten, inzwischen aber möglicherweise geschmacklich abgeflachten Whiskies anbieten. Daher habe ich mich zu einem Experiment entschlossen, um diese Frage ein für alle Mal zu klären: verliert Whisky in einer geöffneten Flasche an Geschmack? Wenn ja: kann dem durch Auffüllen mit Steinen entgegengewirkt werden?

Das Experiment

Die Idee dazu kam mir beim Sonnenbad an einem wunderschönen steinigen Strand an Norditaliens Blumenriviera. Dort habe ich einige Steine gesammelt, zuhause 3x gründlich in heißem Wasser gewaschen und dann noch in einem blended Whisky gebadet, damit diese Steine sauber und whiskyaffin sind. Diese kann ich nun nutzen, um angebrochene Flaschen aufzufüllen.

Dann habe ich aus meinem Bestand einen Clynelish, 18 Jahre alt, 55,4 %, non chillfiltered, not coloured, Abfüller: Duncan Taylor (Dimensions Series), Geschmack: Früchte, Süße, Vanille, maritime Aromen, langes Finish, ausgewählt. Das ist meine Testflasche.

Die Hälfte habe ich umgefüllt in eine leere Flasche und mit den Kieselsteinen aufgefüllt. Das ist meine Referenzflasche.

Der Zeitplan

Künftig werde ich alle halbe Jahr aus beiden Flaschen einen dram nehmen und probieren, ob beide Proben gleich schmecken. Wenn es stimmt, dass Whisky in halb leeren Flaschen geschmacklich abbaut, müssten ja Unterschiede zu schmecken sein.

Bei jeder Probe werden dokumentiert:

  1. Alkoholgehalt – wird bei jeder Probe mit einem Alkoholmeter gemessen
  2. Geschmacksvergleich – jeweils durch mich und einem zweiten Whiskyenthusiasten.

Nach jeder Probe werde ich die Referenzflasche mit weiteren Steinen auffüllen, um den Füllstand immer gleich zu halten.  Mindestens bis November 2022 soll dieses Experiment laufen. Bis dahin werde ich nach jeder Probe berichten. Über die Ergebnisse bin ich und sind meine Gäste sehr gespannt – und ihr hoffentlich auch! Dann sind wir bestimmt schlauer! Bis dahin genießen wir weiter jeden offenen und jeden neuen Whisky.

Na denn: Slainte Mhath!

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